ScrOG: Wie Cannabis-Anbau mit Netz mehr Ertrag aus wenig Platz holt
22. Juli 2026 · Redaktion Blütenfuchs

Was steckt hinter Screen of Green?
Wer schon mal eine unbehandelte Cannabispflanze wachsen ließ, kennt das Bild: Ein dominanter Haupttrieb schießt nach oben, während die unteren Äste im Schatten kaum etwas abbekommen. ScrOG dreht dieses Prinzip um. Ein feinmaschiges Netz wird waagerecht über den Töpfen gespannt, und du flichst die wachsenden Triebe nach und nach hindurch, statt sie einfach nach oben wachsen zu lassen. Am Ende entsteht keine einzelne Spitze, sondern eine breite, fast ebene Fläche aus Blütenständen, die alle etwa gleich nah an der Lampe hängen.
Der Name ist Programm: Von oben betrachtet siehst du irgendwann fast nur noch grüne Blätter und Blüten, die durch die Maschen ragen, das Netz selbst verschwindet unter der Pflanze. Genau dieses gleichmäßige grüne Dach ist auch das Ziel der Methode, denn eine flache Oberfläche lässt sich mit einer einzigen Lampe viel effizienter ausleuchten als ein hoher, ungleichmäßiger Busch.
Der Unterschied zu Sea of Green
ScrOG wird oft in einem Atemzug mit SOG (Sea of Green) genannt, funktioniert aber nach einer entgegengesetzten Logik. Bei SOG stellst du viele kleine Pflanzen dicht nebeneinander und lässt jede nur einen einzigen kompakten Cola bilden. Bei ScrOG reichen dagegen ein bis drei Pflanzen, die dafür in die Breite trainiert werden. Für Grower mit wenig Platz, aber dem Wunsch nach möglichst wenig Mutterpflanzen, ist ScrOG deshalb oft die passendere Wahl.
Was du für den Aufbau brauchst
Die Grundausstattung ist überschaubar. Du brauchst ein stabiles Netz mit einer Maschenweite von etwa 5 bis 10 Zentimetern, das sich straff über dem Anbaubereich spannen lässt, außerdem die übliche Indoor-Ausrüstung wie Töpfe, Substrat und Beleuchtung. Wichtiger als jedes Zubehör ist allerdings Zeit: Die Triebe müssen regelmäßig, im Idealfall täglich, kontrolliert und neu durch die Maschen gelenkt werden. Wer sein Grow-Zelt nur einmal pro Woche besucht, wird mit ScrOG wenig Freude haben.
So gehst du Schritt für Schritt vor
1. Die Pflanze beobachten
Zunächst lässt du den Sämling in Ruhe wachsen, bis mehrere Blattknoten ausgebildet sind und ein natürlicher Streckungsschub einsetzt. Ein fester Zeitplan bringt hier wenig, da sich Sorten in ihrem Wachstumstempo stark unterscheiden.
2. Verzweigung anregen
Bevor das Netz überhaupt zum Einsatz kommt, lohnt es sich, die Pflanze zu toppen oder zu fimen. Dabei wird die Haupttriebspitze gekappt, wodurch die Apikaldominanz unterbrochen wird und mehrere gleichwertige Seitentriebe nachwachsen, die später schön gleichmäßig auf dem Netz verteilt werden können.
3. Netz spannen
Das Netz wird etwa 20 bis 30 Zentimeter über der Erdoberfläche montiert. Der genaue Abstand hängt davon ab, wie schnell und wie hoch die jeweilige Sorte wächst und wie viel Platz du in der Vertikalen überhaupt zur Verfügung hast.
4. Triebe einflechten
Sobald ein Trieb das Netz erreicht, wird er seitlich durch eine freie Masche geführt statt einfach weiter nach oben wachsen zu lassen. Das machst du fortlaufend, im besten Fall täglich, damit sich neue Triebspitzen nicht gegenseitig verschatten.
5. Unteren Bewuchs entfernen
Blätter und kleine Triebe, die unterhalb des Netzes ohnehin kein Licht mehr abbekommen, kannst du entfernen. Dieses sogenannte Lollipopping lenkt die Energie der Pflanze gezielt zu den beleuchteten oberen Blütenständen.
6. Wachstumsphase abschließen
Die vegetative Phase läuft weiter, bis das Netz zu etwa 70 bis 80 Prozent bedeckt ist. Erst dann wird auf Blüte umgestellt, damit die Fläche später möglichst gleichmäßig genutzt wird.
Typische Stolpersteine und wie du sie löst
- Ungleichmäßige Netzfüllung: Führe gezielt kräftige Triebe in die noch leeren Bereiche und korrigiere bei Bedarf die Position der Lampe.
- Lichtstress an den oberen Spitzen: Behalte den Abstand zur Lampe im Blick und hänge sie höher, sobald sich das Blätterdach ihr nähert.
- Feuchtigkeit und schlechte Luftzirkulation unter dem Netz: Entferne unteres Laub konsequent und sorge mit einem zusätzlichen Ventilator für Luftbewegung unterhalb der Blütenebene.
Vorteile und Nachteile im Überblick
Was für ScrOG spricht
- Höherer Ertrag pro Pflanze, weil viele gleichwertige Blütenstellen statt eines einzelnen Colas entstehen
- Gleichmäßige Lichtausbeute über die gesamte Fläche
- Effiziente Nutzung von begrenzter Höhe, etwa in niedrigen Zelten oder Schränken
- Bessere Kontrolle über die Pflanzenform
- Verbesserte Luftzirkulation im oberen Blätterdach
Was dagegen spricht
Der Aufwand ist der größte Haken: ScrOG verlangt tägliche Aufmerksamkeit, und der gesamte Zyklus dauert wegen der verlängerten Wachstumsphase spürbar länger als bei ungetrainierten Pflanzen. Autoflowering-Sorten eignen sich kaum, da sie ohnehin schon nach kurzer Zeit und unkontrollierbar in die Blüte gehen, sodass für ein sauberes Einflechten oft die Zeit fehlt. Auch die Ernte selbst wird komplizierter, weil du entweder das Netz vorsichtig entfernen oder direkt am Netz zurechtschneiden musst. Für alle, die schnelle Ergebnisse brauchen, ist die Methode entsprechend wenig geeignet.
Kombination mit anderen Trainingsmethoden
ScrOG lässt sich gut mit anderen Techniken verbinden. Topping bereitet die Verzweigung schon vor dem Netz vor, Low Stress Training erlaubt zusätzliche Feinkorrekturen innerhalb der Maschen, und Lollipopping lenkt die Energie konsequent nach oben. Erfahrenere Grower kombinieren ScrOG mitunter auch mit Super Cropping, bei dem Triebe gezielt angeknickt werden, das sollte aber nur mit entsprechender Übung versucht werden.
Was die Forschung sagt
Es gibt Hinweise darauf, dass eine trainierte, flache Pflanzenarchitektur nicht nur den Ertrag, sondern auch den Cannabinoidgehalt begünstigen kann. In einer kontrollierten Hydrokultur-Untersuchung führte das Training über ein Netz zu höheren THC-Werten, selbst bei wenig erfahrener Anbaupraxis. Andere Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine gezielte Formgebung die Schwankungen im Cannabinoidgehalt zwischen oberen und unteren Blütenständen verringern kann, vermutlich weil Lichtverfügbarkeit und Mikroklima innerhalb der Pflanze gleichmäßiger werden. Diese Ergebnisse ersetzen keine individuelle medizinische Beratung, sie zeigen aber, dass Anbaumethode und Wirkstoffprofil zusammenhängen können.
Für welche Sorten sich ScrOG eignet
Am besten funktionieren Genetiken mit ausgeprägtem Streckungswachstum, denn sie liefern genug lange Triebe, um das Netz zu füllen. Wichtiger als die grobe Einteilung in Indica oder Sativa ist dabei der tatsächliche Wuchstyp der jeweiligen Pflanze, da die meisten heute verfügbaren Sorten ohnehin Hybride sind und sich stark unterscheiden können.
Netz mehrfach verwenden
Ein gutes Netz ist keine Einwegware. Nach der Ernte reicht es, es gründlich in warmem Wasser mit einem milden Reinigungsmittel zu säubern und vollständig trocknen zu lassen, bevor es im nächsten Zyklus wieder zum Einsatz kommt.
Kurzer Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information zu Anbaumethoden und ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung. Wer Cannabis zu therapeutischen Zwecken anbaut oder verwendet, sollte sich bei Fragen zu Wirkung, Dosierung oder Cannabinoidgehalt an behandelnde Ärztinnen und Ärzte oder Apotheken wenden.