Neue Umfrage 2026: Warum Cannabis-Patienten in Deutschland oft jahrelang auf ein Rezept warten
22. Juli 2026 · Redaktion Blütenfuchs

Eine im März 2026 durchgeführte Online-Umfrage unter 535 Cannabis-Patient:innen in Deutschland zeichnet ein klares Bild: Der Weg zur ersten Verordnung ist für die meisten kein kurzer Prozess, sondern das Ergebnis einer langen, oft frustrierenden Vorgeschichte. Fast alle Teilnehmenden hatten zum Zeitpunkt der Befragung schon einmal eine Verordnung erhalten, ein kleiner Teil war noch auf der Suche.
Fünf Jahre und mehr, bevor überhaupt etwas passiert
Besonders auffällig ist die Dauer, die zwischen dem Auftreten der Beschwerden und der ersten Cannabis-Verordnung liegt. Bei knapp der Hälfte der Befragten waren die Hauptbeschwerden zu diesem Zeitpunkt bereits länger als fünf Jahre bekannt, mehr als ein Viertel litt sogar seit über zehn Jahren darunter. Nur ein verschwindend kleiner Anteil, rund drei von hundert Personen, kam innerhalb von sechs Monaten nach Symptombeginn zu einem Rezept. Für die übrigen lag der Weg meist irgendwo zwischen drei und zehn Jahren Leidenszeit, bevor Cannabis überhaupt zur Option wurde.
Das eigentliche Nadelöhr sitzt in der Arztpraxis
Wer nach den Gründen für diese Verzögerung fragt, landet fast immer beim selben Punkt. Rund sieben von zehn Befragten nannten die Suche nach einer Praxis, die offen für Cannabis als Therapieoption ist, als größte Hürde überhaupt. Damit liegt dieser Faktor mit deutlichem Abstand vor allen anderen genannten Gründen. Knapp ein Drittel gab an, schlicht zu wenig über die Behandlungsmöglichkeit gewusst zu haben, ein weiteres Viertel ging davon aus, dass Cannabis ohnehin nur bei sehr schweren Erkrankungen infrage kommt. Soziale Vorbehalte und Kostensorgen wurden von jeweils etwa einem Viertel der Teilnehmenden als hemmender Faktor genannt.
Dahinter steckt vermutlich weniger böser Wille als betriebswirtschaftliche Vorsicht. Ärztinnen und Ärzte fürchten bei Cannabis-Verordnungen häufig Rückfragen oder sogar Regressforderungen der Krankenkassen, wenn eine Verschreibung im Nachhinein als nicht ausreichend begründet gilt. Diese Unsicherheit auf ärztlicher Seite dürfte ein wesentlicher Treiber dafür sein, dass viele Praxen das Thema lieber meiden, selbst wenn sie medizinisch nichts dagegen einzuwenden hätten.
Wenn der offizielle Weg fehlt, greifen viele zur Selbsthilfe
Die logische Folge dieser Zugangsprobleme zeigt sich in einer weiteren Zahl der Umfrage: Sieben von zehn Teilnehmenden hatten Cannabis bereits eigenständig zur Linderung ihrer Beschwerden genutzt, bevor sie überhaupt eine Verordnung besaßen. Bei fast der Hälfte dieser Gruppe erstreckte sich diese Phase der Selbstmedikation über mehr als fünf Jahre, ein weiteres Fünftel befand sich zwei bis fünf Jahre in dieser Situation. Aus medizinischer Sicht ist das kein wünschenswerter Zustand, denn ohne ärztliche Begleitung fehlen Dosierungskontrolle, Qualitätssicherung und die Einordnung möglicher Wechselwirkungen.
Ärztliche Aufklärung spielt kaum eine Rolle
Woher wissen Betroffene überhaupt, dass Cannabis als Therapie infrage kommt? Die Antwort überrascht wenig, ist aber trotzdem bemerkenswert: 43 Prozent der Befragten haben sich die Information selbst im Internet erarbeitet. Weitere 31 Prozent erfuhren davon über Bekannte oder Familienangehörige. Der direkte Hinweis aus der eigenen Behandlung, also von einem Arzt oder einer Therapeutin, spielte hingegen nur bei acht Prozent eine Rolle. Soziale Medien, klassische Medienberichte, Selbsthilfegruppen und Apotheken kamen zusammen auf einen ähnlich kleinen Anteil. Das medizinische System scheint also kaum als Informationsquelle zu funktionieren, obwohl es genau dort eigentlich ansetzen müsste.
Cannabis kam für die meisten nicht zuerst
Ein verbreitetes Vorurteil lautet, Cannabis werde vorschnell verordnet, quasi als bequemer erster Griff. Die Zahlen sprechen dagegen: Drei Viertel der Befragten hatten zuvor bereits klassische verschreibungspflichtige Medikamente ausprobiert, mehr als die Hälfte sogar zwei oder mehr unterschiedliche Behandlungsansätze. 42 Prozent hatten Physiotherapie hinter sich, gut ein Drittel Psychotherapie. Bei Menschen, die schon länger als fünf Jahre unter ihren Beschwerden litten, lag der Anteil derjenigen mit vorheriger konventioneller Medikation sogar bei knapp 80 Prozent. Cannabis war für die allermeisten also eher ein später Ausweg als eine erste Reaktion.
Welche Beschwerden am häufigsten genannt wurden
Bei der Frage nach der Hauptindikation dominierten zwei Bereiche klar das Bild:
- Chronische Schmerzen, genannt von 39 Prozent der Befragten
- Schlafstörungen, mit 35 Prozent ebenfalls sehr verbreitet
- ADHS-Symptomatik bei 8 Prozent
- Depressive Beschwerden bei 7 Prozent
- Migräne und andere Kopfschmerzformen bei 4 Prozent
- Belastungsstörungen, neurologische Beschwerden sowie Angst- und Panikzustände jeweils bei rund 2 Prozent
Wo die Umfrage an ihre Grenzen stößt
Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, und die Verfasser weisen selbst darauf hin. Teilgenommen haben Menschen, die sich für einen Newsletter rund um Cannabis-Themen angemeldet haben, also größtenteils Personen, die den Zugang zur Therapie bereits gefunden haben. Wer die Suche nach einer passenden Praxis irgendwann aufgegeben hat oder von der Möglichkeit einer Cannabis-Therapie nie erfahren hat, taucht in den Daten gar nicht erst auf. Die tatsächlichen Zugangshürden dürften deshalb eher noch größer sein, als die Zahlen es vermuten lassen. Auch beruhen sämtliche Angaben auf Selbstauskunft und wurden nicht klinisch überprüft.
Warum das Thema gerade jetzt Gewicht hat
Die Befragung fand statt, bevor kürzlich beschlossene gesetzliche Änderungen die Erstattung von Cannabisblüten über die gesetzliche Krankenversicherung einschränkten. Diese Verschärfung dürfte den ohnehin schon holprigen Zugangsweg für viele Patient:innen zusätzlich erschweren, gerade für jene, die noch am Anfang ihrer Suche nach einer geeigneten Praxis stehen. Wenn schon unter den bisherigen Bedingungen sieben von zehn Betroffenen die Arztsuche als größtes Hindernis empfanden, ist absehbar, dass strengere Regeln diesen Effekt eher verstärken als abschwächen.
Dieser Beitrag fasst Ergebnisse einer nicht-repräsentativen Patientenbefragung zusammen und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Ob eine Cannabis-Therapie für dich infrage kommt, klärst du am besten im persönlichen Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt.